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Wenn man Ereignisse am wenigsten erwartet, entpuppen sie sich als größte Geschenke. War ich eigentlich nach Bursa gekommen, um mit einer Freundin aus Göttingen über die Bayram-Ferien die Stadt zu erkunden, war die Enttäuschung enorm, als sie mir eröffnete, dass sie kurzfristig von einem Freund zu den Feierlichkeiten eingeladen worden war, und jener mich aufgrund von fehlenden Kenntnissen voneinander, nicht bedacht hatte. So war ich also plötzlich auf mich allein gestellt und die Reisegefährtin – good for her  – entführt.

Also tappte ich betroffen in mein kurzerhand gefundenes Hotel und stellte mich auf ereignisfreie Tage und Feiertagsdepressionen ein. Doch es kam anders. Im Hotel angelangt, kam ich mit dem Besitzer und einem Gast ins Gespräch und wir endeten im Hinterzimmer bei Tee (und Zigaretten) und tauschten uns aus soweit das trotz Sprachbarriere ging. Später kam auch noch der Geschäftspartner des Besitzer hinzu. Ich kam im Gespräch auch auf die unglückliche Reisekonstellation zu sprechen und war mir ihrer Anteilnahme gewiss. Dies ist entscheidend für die folgenden Geschehnisse.

Nach geführter Konversation und erfüllenden Gesprächen, begab ich mich in mein Gemach und ruhte. Am nächsten Morgen ging ich zur Rezeption, um zu erfragen, welche Sehenswürdigkeiten denn auch in geschlossenem “feierlichen” Zustand verfügbar wären, woraufhin mich besagter Hotelbesitzer wie aus dem Nichts fragte, ob ich denn nicht lieber mit ihm und seiner Familie Bayram feiern wolle… Und welcher Abentœurist lässt sich das zweimal sagen?

Die Schilderung der folgenden Geschehnisse und deren Deutung erhebt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit

Unsere erste Station war ein stallähnliches Gebäude, in welchem wir ein Paar Familienmitglieder begrüßten, die an dem Fleisch der geschlachteten Inek (Rind) herumsäbelten und es in transportierbarere Stücke portionierten. Wir nahmen einen Teil davon mit und fuhren zu dem Grundstück eines Baumaterialhandels von einem der Mitglieder der (womöglich 50-köpfigen) Familie, wo die Ausbeute des Fests geteilt werden sollte. Es wurden also Plastikplanen auf dem Boden ausgebreitet, auf welchen das Fleisch nach Güte und Verarbeitbarkeit sortiert wurde, also Knochen, Knochenfleisch, Filetfleisch, Herz, Leber und so weiter…

Schlussendlich wurden diese Berge jeweils wieder aufgeteilt, um den sieben Familien jeweils ebenbürtige Portionen zuzudenken… Dieser Prozess hatte etwas sehr zeremonielles, da das (so mein Eindruck – Mag auch mein interpretationshungriges Naturell sein, was mich täuschte) Familienoberhaupt vor dem Fleischberg kniete und mit einer blauen, tiefen Plastikschale zu gleiche Teilen Fleisch häufte. Und bei ursprünglichen 350 Kilo Fleisch wie man mir sagte, kommt einiges zusammen. Den Vegetariern unter euch, wird das alles wie eine Unmenschlichkeit (welche ironische Bezeichnung…) vorkommen und makaber oder blutrünstig sein, aber der geringe “Verschnitt”, also Abfall, der aus diesem Prozess übrig blieb, vermittelte mir einen gegensätzlichen Eindruck. Vielmehr schienen sich die Männer eher des Werts des Fleischs bewusst zu werden, waren viel näher an der “Seele” des Tiers, wirkten besonnener… (Pathos juchhee!)

Doch nun kommt der Clou, ein weiterer Hochmoment. Als die Fleischberge getrennt, sortiert, und eingetütet waren, schmiss man einen kleinen Zettel in jede der Tüten mit den Namen eines jeden Familienvaters. Es wurde gelost. Die Fairness bei der Trennprozedur war gewährleistet. Man räumte auf und jeder stolze Besitzer eines Vorrats für 2-3 Monate dampfte gen Heim. Man fragt sich in jenem Moment, warum denn nicht alle gemeinsam feiern, ist doch die Menge ausreichend… Diese Frage erübrigt sich, wenn zu Hause mindestens im Schnitt 6 hungrige Mäuler warten… So ist die Geburtenrate -zumindest in dieser Familie- generationsübergreifend und trotz Modernisierung bei 4,6…

Ahmed, Hotelier i.D., führte mich also in den Kreise seiner Lieben, in welchem sofort wieder der ewige, türkische, subgesellschaftliche Kontrast auffiel: Kemalismus gegen Islam, Tradition gegen Moderne, Kopftuch gegen Haarpracht. Während die eine Tochter ihre Haare unter einem tiefblauen Kopftuch gründlich verbarg, einen wallenden blauen Rock und Strumpfhose trug, sowie sich bei Fotos abwendete; trug die andere Tochter ihre glänzenden, schwarzen Haare mit einem gewissen Stolz zur Schau.

Allein die Mutter schien zwischen den beiden Polen zu mäandern. Zwar trug sie ein Kopftuch, doch ihr Umgang damit war eher lax, sodass sie es vor meinen Augen neu band, in der Küche „hochsteckte“ und auch sonst nicht der grade der Vorstellung einer hörigen Hausfrau entsprach, bezog man ihre gehörige Portion Humor mit in die Gleichung ein.

Die ältere, bekopftuchte Tochter, namens Fatima (unglücklicher Zufall?) servierte ihrem Vater, Bruder und mir zuallererst einen Tee und sprang beim letzten Tropfen Tee, der die Gläser verließ, stets auf, um das nächste Glas zu bringen. Diese Bedienung war äußerst befremdlich für mich, aber erinnerte mich ein wenig an Mexiko. Aber der Vater schien davon gerne Gebrauch zu machen, schickte er sie gelegentlich auch, um bestimmte Dinge zu holen. Somit zeigte sich wieder eine gewisse Doppelmoral. Hatte er doch am Abend zuvor im Einklang mit mir und seinen Hotelfreunden auf allgemeine Ungleichberechtigung von Völkern, Religionen und Nationalitäten, auf Ehrlosigkeit und Diskriminierung geflucht, war er nun – in der Position des Nutznießers – nicht ganz unglücklich darüber.

Die nächste Beobachtung trug sich beim nächsten Mahl zu. Frauen und Männer wurden strikt getrennt und aßen ohne einander. Erst kam mir auch das unangenehm und seltsam vor, doch ich muss zu meiner Scham – als horizont-aller Weltenbürger – eingestehen, dass ich das angenehm fand, weil ich „essen“ meist als eine eher unappetitliche, unästhetische Angelegenheit empfinde. Die Frauen der Familie behielten so eine unbekannte Reinheit. Ich will damit nicht sagen, dass Reinheit und Unberührtheit in irgendeiner Weise eine Priorität des weiblichen Daseins darstellen müsse (Beruhigt euch, Emanzen, ich bin noch kein verstauber Traditionalist!), sondern nur, dass ich es als einhergehendes Detail angenehm fand. Es hat mich ein wenig an den Film „Gegen die Wand“ erinnert, in welchem sich die Männer bei Tee und Spiel über Sex unterhalten, und bei Gefahr im Verzug zu Fussball wechseln; während die Frauen sich über Cunnilingus austauschen, und als Notfallthema Schuhe bereithalten. (Die Parallele ist nur die Konstellation, nicht die Thematik)

Im Laufe des Tages schneiten ca 20 weitere Gäste in die Familienhöhle, um zu beglückwünschen. Und jene, die nicht persönlich kamen, riefen an. Fast ununterbrochen, also alle 15 Minuten, gab es neue Anrufe. Diese Tradition hat mich sehr beeindruckt, denn in ihrer Intention ist sie sehr viel konsequenter als das bloße ((E-)Brief- und) Sms-Schreiben, das sich in Deutschland (imho) eingependelt hat.

Eine mit den Besuchen zusammenhängende Gewohnheit ist das Anbieten von Kolonya (=limoniertes Handwasser) und Süßem. Jeder, der die Wohnung betritt, kann sich also von dem Dreck der Straße säubern, und bei einer süßen Aufmerksamkeit ankommen. Alle Gäste – unter Vorbehalt – die so begrüßt werden, geben ihrerseits den Kindern der gastgebenden Familie ein wenig Geld, umgerechnet 3 Euro. Dabei ist interessant, dass der älteste Sprößling der Familie keine finanzielle Aufmerksamkeit erhält.
Darüber hinaus werden alle älteren Mitglieder der Familie mit einem Handkuss und anschließendem Hand-zur-Stirn-Führen geehrt.

Begrüßungs- und Abschiedsgesten sind nach wie vor ein totales Mysterium für mich. Bei einer anderen Familie, der Familie des verstorbenen Bruders meines Gastgebers, im selben Haus wohnend, zum Plausch eingeladen, wollte ich mich nach pflichtbewusster Konversation bei der Dame des Hauses bedanken und verabschieden und war verunsichert, als sie sich weder dem Handkuss noch dem gewöhnlichen „Doppelwangenkuss“, noch einem Handschütteln öffnete. Ihr Sohn versuchte mir anschließend, falls ich ihn richtig verstanden haben sollte, zu erklären, dass an Bayram Frauen die Männer nicht berühren, weil diese ja die blutige Schlachtarbeit verrichtet haben.
Aber auch sonst finde ich es ausgesprochen schwierig einschätzen zu können, wen ich nun gut genug kenne, um den vertrauensschwangeren „Kussprozess“ zu vollziehen. Diese Problematik ergibt sich auch nicht nur in traditionellem Rahmen, sondern im Alltag in der Uni. Während in Deutschland Männer ihre geistige Nähe selten körperlich manifestieren, ist man in der Türkei unter männlichen Freunden (kanka) sehr touchy. So kann es passieren, dass man Männer eingehakt über die Istiklal flanieren sieht.
Aber was heisst das für mich? Wann begrüße ich welche Männer, oder auch Frauen, unter welchen Umständen wie? Es ergeben sich prekäre Situationen. So wollte mich die jüngste Tochter der Familie zur Begrüßung auf die Wangen küssen, nachdem ich ihr die Hand gegeben hatte, ich habe nicht schnell genug geschaltet, sie zog das Gesicht zurück, dann verstand ich, näherte mich ihr wieder um warten zu müssen, bis sie verstand, dass ich nun doch bereit war, sie zu küssen, und so hatte der Bewegungsablauf etwas Zuckendes, Hühnerähnliches… Ein Komplex voller Fettnäpfchen für einen anpassungswilligen, aber Kühle gewohnten Deutschen.
(Ganz zu schweigen davon, dass ich das Wort „Küssen“ jedesmal wieder irritierend finde, da im deutschen Sprachgebrauch „Küssen“ von ausschließlich mit „Liebe“ oder „Sexualität“ assoziiert wird. Dementsprechend wäre ich über Vorschläge für die Bezeichnung der türkischen Gepflogenheit des Wangendoppelküssens als Verb dankbar..)

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