09. September 2011
Bevor über meine jetzigen Abenteuer berichte, möchte ich doch noch ein Paar Worte über Riga und den dortigen Sprachkurs verlieren. Ich habe ja bereits geschrieben, dass es möglicherweise eine unkluge Reihenfolge ist, den Russischkurs vor dem Türkei-Auslandssemester anzutreten, aber besser ein guter Russischkurs als kein Kurs. Nun, der Kurs war in der Tat großartig.
Die Lehrerin hatte ein bemerkenswertes Gefühl für die Stimmung und Aufnahmebereitschaft ihrer/unserer Gruppe. Glücklicherweise waren wir nur 6 Leute, zudem alle aus Magdeburg, sodass die Lernatmosphäre angenehm und produktiv war. Und endlich, endlich hatten wir auch ein gutes Lehrmaterial. Ein Buch, in dem die grammatischen Strukturen kurz eingeführt werden und Beispieltexte zur Verfügung stehen, und eines, in dem Aufgaben zu den jeweiligen Kapiteln gestellt werden. So gibt es eine klare Aufteilung und stets ist einem bewusst, wo man weiterzuarbeiten hat und weshalb man welche Aufgabe erledigt. Anders als in unserem Magdeburger Buch, das sich nach Lexik gliedert, ist dieses nach Grammatik strukturiert. Wir haben alle Fälle innerhalb der 3 Wochen abgehandelt, weshalb ich nun in der Theorie grammatikalisch zu allem in der Lage sein müsste. An der Flüssigkeit hapert’s natürlich noch und auch die konsequente Korrektheit des gesprochenen Worts fehlt ebenso, aber zumindest ist die Sprache kein Fremdkörper mehr, auch da ich mich in ihr außerhalb des Unterrichts unterhalten habe.
Diese Unterhaltungen waren hauptsächlich mit dem Hostel-Personal unseres wunderbaren Hostels „Tiger Hostel“. Sämtliche Dekorationen und Gebrauchsgegenstände in Tiger-Optik machte es seinem Namen alle Ehre, war aber doch auch sehr befremdlich. Die Betten waren ausgesprochen unbequem, da man die Bettfedern jede Nacht zu spüren bekam, also Menschen mit empfindlichen Rückpartien, sollten vielleicht doch eine Alternative in Erwägung ziehen. Und auch der Rest sollte sich über seine Fakir-Qualitäten bewusst werden, da 13 Nächte schon eine Tortur werden können. Wir haben also zu sechs Personen, in diesem Zimmer gewohnt, was manches Mal wirklich eng war, aber ich denke wir haben uns alle ganz gut arrangiert. Inakzeptabel war hingegen die Ausstattung der Küche, der wir persönlich eine Kochplatte hinzufügen mussten, da kein Herd in der Küche war. Durch diese Ausstattung bereichert, wurden aber dann mehrere wunderbare Mahlzeiten gezaubert. Nicht von mir, da meine Kochkünste eher bescheidenen Ausmaßes sind, aber die anderen der Gruppe vollendeten Dinge wie Couscoussalat, Pfifferlingsrisotto, Zuccinicurry, gefüllte Tortillas, u.v.m.
Was lässt sich über die Stadt Riga sagen? Riga ist eine Stadt, die durch die Geschichte geprägt ist. Durch die Besetzung des Landes und somit auch der Hauptstadt durch die sowjetischen Besatzer, finden sich in deren Zentrum mehrere sozialistische Bauten.
Und nicht nur auf die Archiketur hatte die Besetzung Auswirkungen, sondern auch auf die Demographie. Durch Umsiedlungsbestrebungen wurde Letten deportiert und Russen in Riga angesiedelt. So waren zeitweise 49% der Rigaer Bevölkerung russischer Abstammung. Noch immer ist die russischstämmige Minderheit sehr präsent. Lettisch und Russisch sind – wenn auch nicht auf dem Papier – so doch inoffiziell gleichwertig. Auch wenn das Stadtbild vorwiegend von lettischen Lettern geprägt ist, so findet man doch in den meisten Speisekarten drei Sprachen. Und man kann sich quasi sicher sein, dass alle Letten auch Russisch sprechen. Dennoch ist die parallele Existenz durch Merkmale wie Subkulturen beispielsweise rein russischsprachige Viertel nicht von der Hand zu weisen. Es ist also ein ausgesprochen heikles Thema.
Aufregendstes Erlebnis des Aufenthalts war der Besuch einer russischen Familie, die mit der Familie einer unserer Mitfahrerinnen, bekannt war. Sie hatten vorher in Emailkontakt gestanden und uns allesamt eingeladen. Die Geschwister Vladimir und Marina leben in einem kleinen Strandort nicht weit von Riga, namens Jurmala. Es war sehr bereichernd, nicht nur Beobachter zu sein, sondern aus erster Hand erfahren zu können, wie das Leben zwischen den Identitäten und Kulturen stattfindet. Sie haben gesagt, dass sie sich eindeutig in Lettland zuhause fühlen, aber ihre russischen Wurzeln natürlich nicht vergessen haben, was sich in Gewohnheiten, Haltungen und Denkweisen ausdrücken würde.
Die Thematik ist und bleibt spannend für mich. Ob nun Mexikaner in den USA, Türken in Deutschland, Deutsche und Ungarn in Rumänien oder Russen in Lettland? Wer trägt welche Verantwortung und an welcher Stelle muss (mehr) Rücksicht genommen werden? Wie kann man Integration ohne Assimilation schaffen?