Als wir dann wie geschildert eine Stunde früher als befürchtet, sogar früher als erhofft in den Bus stiegen, waren wir noch guter Dinge. Das war dann nach 4 von 7 Stunden durchaus anders. Wir lasen, redeten, schwiegen, schliefen, planten unsere Ferien, schmökerten im Reiseführer, aber die Zeit zog sich wieder. Zumindest wenn ich mich an meine Gefühle während der Zeit erinnere. Zurückblickend sieht das jedoch immer anders aus. Da kommt einem alles vollkommen nichtig vor, verglichen mit Tagen an denen man wirklich etwas erlebt und die dadurch viel länger erscheinen als die sinnlos ver-reisten.
Von Lazaro Cardenas fuhren wir dann weiter nach Las Canas. Da Janina Montag und Dienstag aufgrund eines Kurses in Patzcuaro für ihre Lehrer frei hatte, opferte sie sich ihre freie Zeit, um dem Gerücht nachzugehen, dass mein Wohnort eine Schreckenshölle sei. Unglücklicherweise stellte sich später heraus, dass ihre Kollegen zwar den Kurs in Patzcuaro belegten, aber das nicht automatisch – wie es bei mir Gang und Gebe ist (Auch eine eigenartige Redewendung, wenn man es recht überlegt oder nicht?) – deshalb die Schule ausfällt. So war sie also eigentlich nicht freigestellt. Das kümmerte uns jedoch vorerst nicht, da wir ja keine Ahnung hatten, dass der Direktor mit der Hausmeisterin und der Sekretärin zusammen hat Unterricht geben wollen. So war Janina also in Las Canas. Wir kamen am Sonntagabend an und unsere erste Sorge galt der Bettenverteilung. Es gibt zwar ein weiteres Bett in meinem Zimmer, aber bisher wurde uns von der mexikanischen Gesellschaft eindeutig nahegelegt, dass das Schlafen zweier ungleichgeschlechtlicher Personen, also eines Mannes und einer Frau, in einem Zimmer, eine Heirat voraussetzt. So wurden wir auch, als wir uns anfangs, dessen nicht bewusst, wie selbstverständlich die Zimmer zu zweit teilten, öfters schief angeschaut oder zumindest gefragt, ob wir denn verheiratet seien. Dementsprechend verwirrt waren wir, als Gavina auf meine Frage wie wir das denn am Besten mit den Betten regeln sollten, ihrerseits verwirrt, sofort antwortete, dass doch ein weiteres Bett in meinem Zimmer stünde und ob es ein Problem damit gäbe, wenn sie darin schliefe. Es schien für Gavina nicht in Frage zu stehen, wo Janina schläft und auch ihr Angebot, dass sie im (noch leeren) Zimmer der Lehrer schlafen könne, war wohl vielmehr aus der Unsicherheit heraus angesichts unserer seltsamen Frage.
Montags dann machte sie denn „Fehler“ mich in die Schule zu begleiten. Da war das Gepfeife, Gerufe und Geschreie natürlich nicht allzu gering. Zu meiner Beruhigung bestätigte sie mir, dass meine Schüler weniger pflegeleicht und das Unterrichten sehr viel mühsamer ist. Außerdem seien die mir Anvertrauten auch weniger sympathisch, sondern vielmehr apatisch. Zumal es mit 40 Schülern in einer Klasse nochmals schwieriger wird. Heute zum Beispiel (10. November) wollte ich eigentlich eine Stunde lang nur spielen. Wiederholungsaufgäbelchen mit Wettbewerbscharakter, da Männer gegen Frauen. Das Ganze entpuppte sich dann zu einer Riesenschreierei, weil die zur Tafel entsandten sich meist allein nicht zu helfen wussten, was sie zum Unterstützung bei den Hintermännern suchen, zwang, und so zum Brüllkonzert ausartete.
Doch zurück zu dem damaligen Tag. Nach dem wir also einige Rufe und einen „Küss sie“-Chor über uns ergehen lassen mussten (den Janina geschickt mit einem „nunca en publico“ abblockte) verließen wir dann die Schule, um die Zweisamkeit in Einsamkeit genießen zu können.
Der Tag brachte noch einen Flanplan. Wir wollten Flan, eine Vanillekaramellcremespeise zubereiten, doch 2 essentielle Zutaten konnten wir im lokalen Minimarkt nicht finden.
Etwas planlos dümpelten wir im Haus herum, um dann einfach die Zeit zu nutzen und zu schlafen, da ich inzwischen eh gerne schlafe und Janina davon eh zu wenig bekommt in Chucu.
■ Stop ■
Kleiner Themawechsel. Wir bleiben bei Chucu, aber verlassen thematisch las Canas, zumindest anfänglich. Der Konzertplan ist inzwischen abgesagt, da ich nicht den Mumm besitze völlig allein im großen Mexiko City auf ein Konzert zu gehen. Außerdem ist sowas alleine meist nur halb so toll. Ich müsste es alleine machen, weil der Direktor von Janina beim besten Willen nicht einsehen will, dass seine zusätzliche Hilfskraft am Tage der mexikanischen Unabhängigkeit, dem 20. November, dem Tag der vielen Umzüge, den Ort des Geschehens verlassen will. Und alleine habe ich wie gesagt nicht die Traute dieses Abenteuer zu wagen. Ich denke das werde ich bereuen, da ich wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben die Möglichkeit haben werde, Ska-P live zu sehen, aber was soll’s. Manchmal sollte man seine Ängste akzeptieren. Nun stellt sich die nächste Frage. Wenn ich am 20. schon nicht in Mexico City beim geilsten Konzert des Jahres – Ich mag Übertreibungen müsst ihr wissen – bin, wo dann? In meinem eigenen Dorf und nehme als Friedensflaggenträger unwohl daran teil?Oder nehme ich die Einladung von Jaime aus Chucutitan vollständig wahr und bleibe auch den 20.? Die Einladung bezieht sich auf das 2jährige Jubiläum von der Chucu-cemsad, dass vom 18.-20. stattfinden wird. Seit der Direktor von dort mitbekommen hat, dass mein Direktor nicht den Fleiß einer Biene, geschweige denn den eines ganzen Bienenschwarms, besitzt, hat er sich in den Kopf gesetzt den meinigen zu beeindrucken und zu beeinflussen. Ergo: Der Direktor muss kommen. Der erste Versuch ihn zu überzeugen, nämlich anhand von meinen Überredungskünsten, da der Direktor einfach mit dem Argument, dass ja der Umzug am 20. Zeit bräuchte um organisiert zu werden. Mir kam das zwar eher wie eine Ausrede vor, aber sei’s drum. Dann sollte ich ihm übermitteln, dass er doch bitte Jaime Chacon aus Chucu anriefe. Keine Reaktion… Erst bei dem Foro Ekologico änderte sich die Sachlage. Jetzt werden sich einige von euch, wenn nicht sogar alle kopfschüttelnd reden, wovon ich denn plötzlich rede. Touché. Das steht euch auch ohne Einschränkungen zu, da ich mit meinem „Lucha de los directores“, also der Exkursion den Anniversario betreffend, von der eigentlichen Chronologie abgewichen bin und ihr so noch gar nichts von algún foro wissen könnt.
<<Rewind<<
Nachdem ich schweren Herzens Janina am Dienstag wieder in einen LKW steckte, der sie sicher in Richtung ausgelagertes Heim, vorübergehend zumindest, geleiten sollte, (Was er sehr zufriedenstellend tat, und nicht nur das, sogar selbst zufriedengestellt, dermaßen zufriedengestellt, dass er ihr 100 Pesos als Zeichen der Anerkennung ihrer Arbeit und als Ermunterung das Land dessen Faszination sie teilen, weiter zu bereisen. Sachen gibt’s…) lief ich wieder mal die 3 Km von der Autopista in die geliebte Zuckerrohrzunft.
Nun wird es jedoch wieder schwieriger. Ich habe noch immer das Ziel vor Augen zu jedem Tag, den ich hier verbringe irgendwas zu schreiben. Das Problem dabei ist die Zeit. Der Mittwoch über den ich schreiben will ist morgen 2 Wochen her. Sind das hohe Ansprüche an mein Gedächnis oder nicht? Also ich finde eigentlich schon. Nun denn… Aus eben genannten Gründen kann ich euch über eben jenen Mittwoch nichts weiter sagen als dass ich meine dritte Stunde Secundaria hatte (zu der bis heute keine weitere gestoßen ist, da etwaige Zwischenfälle das Stattfinden weiterer verhinderten) Das zweite wichtige Ereignis war das Wiederkehren des Internets in der Schule, das inzwischen auch schon wieder der Vergangenheit angehört. Ich nutzte es jedoch soweit, dass ich herausfand, dass man über Skype sogar zusammen komponieren kann. Außerdem sprach ich telefonisch fast mit meiner ganzen Familie. Und das aus Las Canas. Eine schöne Abwechslung, die leider nicht von Dauer war.
Ich muss nun wohl erneut zu einer Exkursion ausholen, da ich glaube, dass ich das Thema der Miss CECyTEM noch nicht angeschnitten hatte. Jedes Jahr gibt es ein Mädchen, dass von ihrer Klasse nominiert wird an einem Wettbewerb teilzunehmen. Der Wettbewerb verpflichtet die Mädchen soviel Geld wie möglich zu sammeln. Dieses Geld geht dann an die Schule und das Mädchen, das am meisten Geld sammelt, wird Miss CECyTEM und darf nach Morelia auf irgendein Event fahren, um die Schule zu vertreten. Sie wählt sich dazu einen Mister CECyTEM und los geht die Fahrt. Im Zuge dieses Wettbewerbs bekommt jede Teilnehmerin auch die Möglichkeit Geld dabei zu sammeln ein Essen für die Schule zu organisieren. Normalerweise kümmert sich ja Dona Guerra darum. An jenem Mittwoch war jedoch das Tercero Semestre an der Reihe (Heute das Quinto). Mehr als das Drumherum kann ich eigentlich nicht erzählen, da das Essen an sich recht gewöhnlich war und auch sonst auch von keinen weiteren Vorkommnisse zu berichten ist.
Neben den Essen, die sie organisieren, gibt es diese Woche eine Disco-Musik-Tanz-Veranstaltung, bei der sie sich wohl vorstellen werden, um weiteres Geld zu ergattern oder so Ähnliches. Sie sollte eigentlich bereits letzten Donnerstag stattfinden, aber unser gutster Direktor hat es nicht gebacken bekommen, rechtzeitig eine Erlaubnis beim Administrator des Municipios (oder so ähnlich) einzuholen. Und auch dieses Mal ist es nicht ganz sicher ob es stattfinden wird, da niemand weiß, ob er diesmal für ein Soundsystem gesorgt hat und er sich ja auch erst am Mittwoch bequemt, herzukommen. Ich glaube, wenn ich nicht das Gefühl hätte, Tere, meiner Englischlehrerin, Konsequenz und Rechenschaft schuldig zu sein, würde ich das alles hier auch noch halbherzig beurteilen und genauso wie mein Direktor eher mein eigenes, egozentrisches Ding drehen. Und das Topping auf dem Eiscafé fehlt ja noch. Angeblich soll er ja auch Unterstützungen aus Morelia zur Hälfte in die eigene Tasche stecken. Ich wusste zwar, dass Korruption kein geringes Problem in Mexiko ist, aber es in der eigenen Umgebung hilflos mitzubekommen, ist doch ein anderes Gefühl als das bloße Des-Problems-bewusst-Sein. Auch die Lehrer beschwere sich ziemlich über ihn, aber ich glaube, dass sie resigniert sind, weil sie auf kurze Sicht eh nichts ändern können. Auf lange Sicht lohnt sich aber nicht, weil er schon in seinem letzten Jahr steckt. Nach drei Jahren wechselt man den Standort. Ich habe inzwischen auch herausgefunden wie man Direktor wird. Man kennt jemanden, der Direktor ist. Sehr differenziert und objektiv, nicht wahr?
Am Donnerstag fanden 2 andere Ereignisse ihren Schauplatz.
In Morelia wurde der Foro Ekologico , das ökologische Forum eröffnet. Freiwillige wurden zuhauf dorthin mitgeschleppt, da sie aufgrund ihrer europäischen Herkunft sicherlich einiges über Ökologie einbringen können würden. Mich ausgeschlossen, da mein werter oberster Verantwortungstragender der Meinung war, dass ich dort ja nichts tun könne. Also ließ er mich hier versauern. Da am Freitag aber meine Stunden in der Secundaria ausfielen, wie sie es hier regelmäßig tun, weil die Lehrer entweder streiken oder auf irgendwelche Kurse in Morelia fahren, (Inzwischen glaube ich fast, dass es nach dem willkürlichen Prinzip der Lust entschieden wird) fuhr ich am Freitag früh gegen 7 Uhr nach Morelia. Dort versuchte ich dann irgendwie herauszufinden, wie ich zu dem Universitätsgelände komme, auf dem das Forum stattfinden sollte. Das gestaltete sich aber recht schwierig, weil die Adresse, die ich hatte, der eines anderen Staatgebäudes wohl sehr ähnelt und ich dann immer wieder widersprüchliche Informationen und Anweisungen erhielt. Schlussendlich steckte mich ein Polizist in ein Taxi und gab ihm genaue Hinweise. Nach einer halben Stunde Fahrt (Niemals hätte ich erwartet, dass der Campus soweit außerhalb Morelias liegt) kamen wir endlich an einem wichtig aussehenden Gebäude an, dass sich dann auch als korrekt herausstellte. Ich schlich mich in den Seminarraum und entdeckte auch schon eine Reihe Freiwillige. So wirklich auf den Vortrag konzentrieren, konnte ich mich dann aber auch nicht mehr. Später wurde mir erzählt, dass die ganze Veranstaltung sehr aufgebauscht sei und wirklich konsequente Planungen nicht vorgestellt wurden. Und auch die Regenwurmlobeshymne sei etwas wirkungslos verpufft, da diese tollen natürlichen Müllverbrennungsanlagen kein Chilli vertrügen. Der neben der Veranstaltung organisierte Foto- und Malwettbewerb sowie eine Schimpftirade die die Schande, die die Umweltverschmutzung über die menschliche Rasse bringt, hervorhebt, ändert letztendlich gar nichts. Auf der anderen Seite sind Worte immer noch förderlicher als ausschließlich keine Taten. Besser redend informieren als schweigend nichts tun!
>> Fast Forward >>
Nun… Jetzt wisst ihr von welchem Foro ich redete. Auf diesem Foro fand sich auch der Direktor von Janina (samt ihrer Person *grummel*) ein und lud meinen Direktor mündlich zu seinem Großfest vom 17. bis 20. ein. Diese Tatsache wurde mir gottseidank erzählt, denn anfanfgs schien es sogar so, als wolle er diese erneute Einladung unter den Tisch fallen lassen. Wie es bisher aber aussieht, werde ich am kommenden Dienstag zusammen mit 8 Jungen, also einer Volleyballmannschaft nach Chucutitán fahren und den großartigen und sehr wahrscheinlich vollkommen durchgeplanten Geburtstag Chucus feiern. Ob ich dann am 20. November wieder zurück in mein Dorf fahre, um dort den Tag der Unabhängigkeit, samt Umzug und Pyramiden und Marschieren und Trommeln feiere, weiß ich jedoch noch immer nicht, weil ich einerseits dieses Ereignis gerne mit jemand anderem verbringen würde den ich kenne und außerdem ein bisschen frustriert über die Unzuverlässigkeit meines Direx’ bin und es vergelten möchte. *Seufz* Andererseits ist er ja nicht der Einzige im Dorf und die Anderen möchten mich sicher gerne dabei haben und irgendwie gehöre ich ja eigentlich doch zu Las Canas. So ungern ich es zugebe. (Und so unwohl ich mich hier manchmal fühle) Deshalb habe ich mir gesagt, dass wenn Las Canas gegen Chucutitan im Volleyball gewinnt, fahre ich mit zurück. Verlieren sie, bleibe ich in Chucu. Ist das nicht fair?
(13.11.08) Es gibt Neuigkeiten. Angeblich sollen sogar die Jungens vom Fußballteam begleitend nach Chucutitan mitkommen. Aber wer weiß schon, ob das in die Tat umgesetzt wird bei den Arbeitsstrategien (und der Verlässlichkeit) des Direktors. Auch die Disko, samt Krönung, die heute hätte stattfinden sollen, (nachdem sie vom letzten Donnerstag auf diesen verschoben wurde) wurde auf nächste Woche verschoben, da der Direktor es nicht geschafft hat, rechtzeitig ein Soundsystem zu besorgen. Auf den 20. November verschoben. Ausgerechnet… Naja. Die Entscheidung muss ich ja nicht selbst fällen. Das machen ja wie gesagt die Volleyballteams für mich.
Erneut breche ich einen Blog inmitten seiner Entstehung und mit dem Gefühl der Unvollständigkeit desselben ab, zugunsten der Beruhigung von etwaigen besorgten Lesern. Ich hoffe, ihr wisst damit umzugehen und freut euch einfach über den (da ihr ja schon hier angekommen seid, bereits zu Gemüte geführten, dennoch unkompletten ) neuen Lesestoff.
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